Artikel: „Therapieliege statt OP-Tisch“

Deutsche Ärzte greifen zu schnell zum Skalpell. Das ist inzwischen auch die Meinung vieler Experten. Ihnen zufolge helfe statt Operationen an der Wirbelsäule in vielen Fällen auch eine konservative Behandlung. Die Physiotherapie ist eine echte Alternative zum operativen Eingriff.

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Die Zahl der Eingriffe an der Wirbelsäule hat sich zwischen den Jahren 2006 und 2014 auf bundesweit gut 780.000 mehr als verdoppelt, hieß es kürzlich in einer Pressemitteilung der BARMER GEK. Die Krankenkasse empfiehlt daher, vor der OP die Zweitmeinung eines Experten einzuholen. „Bislang hat rund die Hälfte der Rückenpatienten, die über uns eine Zweitmeinung angefordert haben, auf eine Wirbelsäulen-Operation verzichtet”, sagt Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der BARMER GEK.

Nach erster Rücken-OP folgt oft ein weiterer Eingriff

Immer häufiger, so die Medizinerin weiter, führe eine Rückenoperation nicht zur erwünschten Schmerzfreiheit. Stattdessen folge in immer mehr Fällen ein weiterer Eingriff. So erhielten etliche Patienten, die zunächst einen Bandscheiben-Eingriff hatten, ein bis zwei Jahre später eine weitere Operation, bei der die Wirbel versteift würden. Laut BARMER GEK sei die Zahl dieser Folgeeingriffe seit dem Jahr 2006 um 137 Prozent auf 510 Fälle im Jahr 2013 gestiegen.

Behandlungsfehler-Statistik zeigt Risiken auf

Keine Operation ist ohne Risiko. Allein 2015 kam es nach Angaben der Bundesärztekammer zu 2.132 Behandlungsfehlern (Vorjahr 2.252). In 1.774 Fällen führten sie zu einem Gesundheitsschaden, der einen Anspruch des Patienten auf Entschädigung begründete. 664 Patienten trugen Dauerschäden davon, 96 Patienten starben.

Die häufigsten Diagnosen, die zu Vorwürfen von Behandlungsfehlern führten, waren Knie- und Hüftgelenkarthrosen sowie Unterschenkel- und Sprunggelenkfrakturen. Der größte Teil der zu überprüfenden Behandlungen hatte dabei in einer Klinik stattgefunden, nur jeder vierte Fall (25,8 Prozent) stammte aus Praxen oder Medizinischen Versorgungszentren. Ob all diese Eingriffe wirklich notwendig waren, bleibt fraglich. Eine entsprechende Detailanalyse sei, so die Bundesärztekammer, „grundsätzlich nicht Bestandteil der Bundesauswertung“.

Im Zweifel an Physiotherapeuten wenden

Rosita Bräuer aus dem sächsischen Bautzen hat einen langen Leidensweg hinter sich: Vor über 20 Jahren hatte die damals 35-Jährige einen Bandscheibenvorfall. Es folgten mehrere Operationen, schmerzfrei ist sie bis heute nicht. Einzig der Austausch mit anderen Betroffenen half ihr. Daher gründete sie 2002 die Selbsthilfegruppe für Wirbelsäulenerkrankungen (www.shg-wirbel.de) in Bautzen. Und sie empfiehlt, sich im Zweifel an einen Physiotherapeuten zu wenden.

Laut  Deutschem Verband für Physiotherapie können Patienten Bandscheibenvorfällen vorbeugen. Häufig gebe es lange vorher muskuläre Probleme, die sich mit gezieltem Training beheben ließen. Bewegung sei grundsätzlich wichtig, und es empfehlen sich Sportarten wie Joggen, Walken, Ski-Langlauf, Radfahren und auch Yoga.

Der Öffentlichkeit den Wert der Therapie vermitteln

Das Beispiel Bandscheibenvorfall zeigt: Es gibt viele gute Gründe, vor der OP erst einmal zu Physiotherapie, Prävention und Fitness zu greifen. Doch es genügt nicht, wenn Therapeuten sich dessen bewusst werden. Vielmehr gilt es, verordnenden Ärzten und Betroffenen klar zu machen, wie viel Physiotherapeuten an der Wirbelsäule bewirken können.

Quelle: „Up-Unternehmen Praxis“ 08.04.2016
Bildnachweis: iStock, Kerstin Waurick

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